Freitag, 20. September 2013

Spielereien mit der Formnotation: Ernesto Laclau

Kann man Laclaus Hegemonietheorie mit der Formnotation ausdrücken? Die Grundidee Laclaus Theorie ist es, anzunehmen, dass Gesellschaft nicht zu sich kommen kann, da sie kein fixiertes Fundament besitzt, von dem sie ausgehen könnte. Deshalb auch ist ein Abschluss der Form Gesellschaft nicht möglich. Faktisch ist das Soziale zwar eine Totalität, doch gibt es keine Möglichkeit, diese Totalität vollkommen zu repräsentieren. Kein gesellschaftlicher Teilbereich, keine Gruppe, keine Identität kann reklamieren, die Gesellschaft richtig abzubilden, die Gesellschaft bleibt für sich selbst notwendigerweise blind: Im Prinzip handelt es sich um Peter Fuchs' Unerreichbarkeit der Gesellschaft. Da die Gesellschaft unerreichbar ist, produziert sie laufend leere Signifikanten, die offen für alternative bzw. partikulare Deutungen - und damit offen für Kontingenz -sind. 

Die Politik ist bei Laclau daher jener Bereich, der den gewissermaßen paradoxen Versuch macht, die Unerreichbarkeit der Gesellschaft und die Unmöglichkeit von Gemeinschaft zu symbolisieren. Die Politik vermag dies, indem partikulare Inhalte dazu genutzt werden, Universalität temporär zu repräsentieren. 

»Partikularität verneint und erfordert Totalität, das heißt: den Grund.«      





Gesellschaft produziert leere Signifikanten, weil sie sich nicht selbst als die Differenz setzen kann, die Differenzen setzt. Gesellschaft als Letzthorizont aller Kommunikationszuschreibungen wird damit zur Einschreibungsfläche oder Medium partikularer Deutungsangebote. 





»Politik ist möglich, weil die konstitutive Unmöglichkeit von Gesellschaft sich nur durch die Produktion leerer Signifikanten repräsentieren kann.«      





Aber das ist natürlich nur ein Versuch, eben: eine Spielerei. Ich weiß nicht, ob man die Formen wirklich so notieren kann. Abgesehen davon ist klar, dass die Formnotation es prinzipiell einfach macht, poststrukturalistische »Philosopheme« aufzuschreiben - womöglich läge der Sinn der Formnotation so nicht zuletzt in der Ermöglichung des Theorievergleichs. 


Mittwoch, 24. April 2013

Callon vom Kopf auf die Füße?

Daniel Miller kritisiert Michel Callons »Rahmentheorie«: Callon - der Soziologe - geht davon aus, dass sich der »Markt« innerhalb eines Rahmens ausbilde, den die wirtschaftlichen Akteure in einem konkreten Raum, beispielsweise in Büros oder an der Börse, performativ hervorbringen. Miller - der Ethnologe - geht hingegen davon aus, dass innerhalb dieses Rahmens Rituale stattfänden, die die Annahme eines »Marktes« außerhalb dieses Rahmens zu festigen vermögen.

Bei Michel Callon gibt es also einen Rahmen, dessen Innenseite mit allerlei Praktiken durchsetzt wird, um aus ihm einen Markt zu machen, was nicht zuletzt heißt, ihn von all dem zu bereinigen, was es sonst noch - außerhalb - gibt. Der Markt ist innen. Bei Daniel Miller dagegen befinden sich im Rahmen Rituale, die aber gerade dazu da sind, einen Markt außerhalb des Rahmens zu beschwören. Der Markt ist außen.

So geht Miller etwa davon aus, dass Unternehmensberater angeheuert würden, um »Als ob«-Szenarien durchzuspielen, die den Marktprinzipien entsprechen, um so die tatsächliche Art und Weise, wie Geschäfte ablaufen - etwa darüber, verschiedene Gruppen und ihre Interessen für ein Produkt intuitiv oder durch langjährigen Kundenkontakt zu verstehen - »marktideologisch« abzustützen (diese Praktiken sind es, die Miller als »Virtualism« bezeichnet, eine Art Idealisierung oder Abstrahierung des Marktes, auf die man sich stützen oder rituell beziehen kann)

Was Miller an Callon vor allem stört, ist die Überbetonung der »kalkulatorischen« Performativität - offenbar ist wirtschaftliches Handeln nicht auf Rechenschiebereien beschränkt, sondern auch auf sich nicht in Zahlen ausdrückende Aktivitäten.

Freitag, 19. April 2013

Zuviel Soziologie!

In  einem Artikel der aktuellen Ausgabe des N+1-Magazins stellt man fest, dass es zuviel Soziologie gebe. Denn das soziologische Denken habe es, so die Autoren, nicht zu einer effektiven Kritik an den Verhältnissen gebracht, sondern zur soziologischen Lebensführung geführt. Wir haben es also, könnte man sagen, nicht mehr vor allem mit Kultursoziologie, sondern mit einer Kultur der Soziologie zu tun.

Damit sei nicht nur das kritische Element der Soziologie nahezu völlig obsolet geworden, sondern diese Entwicklung habe auch dazu geführt, dass andere, nicht-soziologische Denkweisen an den Rand gedrängt worden seien - etwa die Ästhetik im Bereich der Kunstkritik.

Ein schönes Beispiel, das im Artikel angeführt wird, um die These über die Vormacht des soziologischen Denkens zu erhärten, ist das der Universitätspolitik: Gerade in jenen Instituten, die am meisten »durchsoziologisiert« sind, gerade dort also, wo man sich völlig darüber bewusst ist, dass es um Abschlüsse und Referenzen geht, folgt man dieser Programmatik auch am geradlinigsten: Sorglos gegenüber der Qualität der Lehrveranstaltungen aber besorgt um das äußere Bild, das durch Events und Stars aufgepeppt werden muss.

Aber all das ist natürlich auch auf die individuelle Ebene übertragbar: Wer weiß, dass feine Unterschiede zählen, wird diese auch kultivieren.

Die Soziologie ist - ausgerechnet in ihrer kritische Variante - nützlich geworden.


Donnerstag, 14. März 2013

Video-Walk von Janet Cardiff und Georges Bures

Mirjam Schaub bezieht sich auf Janet Cardiff in ihren Überlegungen zur Spur: Cardiffs Kunst dient ihr unter anderem als Hinweis, dass es sich beim Spurenfolgen um eine verführerische, aber auch unheimliche Aktivität handele.

Lässt man sich auf Cardiffs Streifzüge ein, überlagern sich die Tonspur aus den Kopfhörern, das Bild auf dem Smart-Phone mit der Welt da draußen einstweilig, nur um sich schließlich wieder von ihr zu trennen. Freud: »Unheimlich ist irgendwie eine Art von heimlich.«

Doch auch der verführerische Aspekt Cardiffs Werk scheint mit den temporären Überlagerungen zu tun zu haben. Etwas gleicht sich und gleicht sich nicht, ist sichtbar und ist es nicht. Es entsteht ein Schwingen zwischen den Welten: Verdoppelungen des Hörens, des Sehens, der inneren Stimme (gerade die Stimme Cardiffs ist es, die eine Art Trance hervorrufen soll. Das Ohr ist wehrlos).

Das Reizvolle an diesem Werk hat irgendetwas mit dieser Kluft zu tun, in der der Rezipient hin- und hergerissen ist. Schließt man die Kluft, verschwindet das Kunstwerk. Gewissermaßen schafft sich diese Kunstform also vielleicht genau in dem Moment ab, in dem sie sich als Technik perfektioniert hat.

Samstag, 15. Dezember 2012

Nach dem Weltuntergang

Angeblich fürchten sich 13 % der Österreicher und ein Drittel der US-Amerikaner vor dem für den 21. Dezember prognostizierten Weltuntergang. Diese Befürchtung soll vor allem unter den weniger Gebildeten verbreitet sein. Ist es die mangelnde Bildung, die Menschen anfällig dafür macht, an die kommende Katastrophe zu glauben?

Ich denke, man macht es sich damit zu einfach. Selbst die Boulevard-Medien schicken dem Schauer um einen möglichen Untergang in den allermeisten Fällen eine kräftige Portion Ironie nach, begleitet vom Hinweis, dass der Weltuntergang am 21. Dezember aus Sicht der Wissenschaft absoluter Humbug sei. In Zeiten eines weltumspannenden, für die Vielzahl der Menschen leicht erreichbaren Wissensnetzes ist Informationsmangel zudem keine gute Begründung für abstrusen Aberglauben: wirklich jeder, der lesen und eine Google-Recherche durchführen kann, vermag mühelos, über den Horizont der Bild-Zeitung hinauszugehen. Dies abzuleugnen, ist schlicht Sozialchauvinismus.

Dagegen setze ich auf den Entschluss der Menschen, auch wider besseren Wissens  glauben zu wollen. Vielleicht haben wir es bei dem Phänomen des Endzeit-Glaubens also eher mit einem Nicht-Wissen-Wollen als einem der schlechten Bildung geschuldeten Nicht-Wissen zu tun. Was war Glaube je anderes als eine Stütze, um mit der aktuellen Realität zu Rande zu kommen?

Es gibt eine schöne Aussage Clement Rossets, die besagt, die Apokalypse sei »kein Gegenstand der Angst, sondern des Begehrens«. Man braucht nur den Fernseher einzuschalten: Der aufwendig produzierte Weltuntergang wird jeden Abend in Form von »Dokumentationen« oder auch Filmen frei Haus geliefert. Nachfrage besteht offenbar. Was lockt die Menschen, sich auf der Fernsehcouch von der letzten Katastrophe heimsuchen zu lassen?

Ja, man müsste vielleicht wirklich von heimsuchen oder heimholen sprechen, denn die »weniger Gebildeten«, die am Rand Stehenden, leben bereits in der Apokalypse, in jenem Zustand, von dem die Bibel sagt, dass in ihm keine Zeit mehr sein werde. Die Medien, der Alltag, die Überflüssigkeit und der Verdruss sind apokalyptisch. Für große Teile der »Gesellschaft« ist die Geschichte bereits zu Ende gegangen, ausgelaufen in eine »breite Gegenwart«. Was liegt da näher, als das wirkliche Ende herbeizusehnen?

Der Film Melancholia spielt in der falschen Gesellschaftsschicht.

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